Was kann ich mit Lernmedien erreichen? Und was nicht?

27. Juli 2018 - Alle Kategorien, Content

Geeignete Lernmedien

Autor: Chris Hollweg

Es ist kein Geheimnis, dass wir – das Expertenteam LuB – eine positive Haltung zu eLearning haben. Aber wir glauben nicht, dass sich jede didaktische Aufgabe mit einem Lernmedium lösen lässt, schon gar nicht mit IRGENDEINEM Lernmedium. Es gibt fraglos viele Gründe für den Einsatz von Medien für das Lernen, zum Beispiel die viel beschworene Orts- und Zeitunabhängigkeit. Nur ist niemandem damit geholfen, wenn man ihm ermöglicht an jedem beliebigen Ort, wann immer er möchte, seine Zeit zu verschwenden. 

Was Lernmedien nicht können

Stell Dir vor, Du willst das Thema „Konflikte lösen“ vermitteln. Ganz sicher finden sich Menschen, die Dir folgende Lösung vorschlagen: „Wir vermitteln das mit einem Lernprogramm und machen zur Lernzielkontrolle gleich einen Test mit dazu. So sparen wir die Aufwände für das Präsenztraining.“ Hallo? Ist das Euer Ernst? Dieselben Personen würden protestieren, wenn ich behaupten würde, dass man alleine durch Fragenpauken und die theoretische Führerscheinprüfung nicht nur Autofahren gelernt, sondern auch sein fahrerisches Können bewiesen hat. Autofahren lernt man durch Autofahren, Englisch sprechen indem man englisch spricht und Tanzen durch Tanzen. Und wie überprüft man, ob jemand etwas gelernt hat? In unseren Beispielen indem man ihn beim Autofahren begleitet oder ihn englisch sprechen lässt. Was kann man wohl überprüfen, wenn man jemanden bei vier Antwortmöglichkeiten die richtige ankreuzen lässt? Ob er tanzen kann, vermutlich nicht, ABER…

Was Lernmedien können

Warte bitte kurz, bevor Du jetzt Dein teures Lernprogramm zur Konfliktlösungskompetenz in den Mülleimer wirfst (oder verschiebst). Medien können im Lernprozess sehr hilfreich sein. In manchen Bereichen sind sie sogar bestens geeignet.

Lernmedien können Trainer entlasten.

Es geht nicht darum, die Arbeitsbelastung zu senken (Sorry, liebe Trainer). Vielmehr macht es Sinn, die Trainerkompetenz in der begrenzten Zeit bestmöglich zu nutzen. In fast allen Fällen braucht man theoretisches Wissen als Basis. Für die erste Fahrstunde wären zum Beispiel Kenntnisse zu den Verkehrsregeln von Vorteil (vor allem für die anderen Verkehrsteilnehmer). Im Präsenztraining kann man diese Inhalte erklären. Häufig muss aber ohnehin zum Behalten nachgelernt werden. Warum nicht gleich die Erklärung mit in ein Medium packen und die wertvolle Trainerzeit dafür nutzen, verbliebene Fragen zu klären und die Anwendung des Wissens zu vermitteln?

Lernmedien helfen dabei, Lerngruppenvoraussetzungen anzugleichen.

Teilnehmer kommen mit unterschiedlichem Vorwissen zu Trainings. Es gibt zwei Möglichkeiten, sie auf das gleiche Niveau zu bringen: a) Ich fange ganz am Anfang an und vermittle Basiswissen für alle. Das verschwendet aber nicht nur Trainerkompetenz, sondern langweilt zwangsläufig Teilnehmer immer dann, wenn sie den gerade angesprochenen Inhalt schon zur Genüge kennen. Man hat also eine gute Chance, jeden der Teilnehmer zu unterschiedlichen Zeitpunkten zu langweilen. b) Ich lagere das Basiswissen in einen mediengestützten Selbstlernteil aus. So kann sich jeder mit unterschiedlichen Vertiefungen auf das Eingangsniveau des Trainings bringen. Wenn ich meinen Teilnehmern nicht die nötige Selbstdisziplin hierfür zutraue, sollte ich das mit einem Eingangs- oder Zulassungstest sicherstellen (statt aus vermeintlicher Gutmütigkeit doch das Basiswissen zu vermitteln. Damit kann man diejenigen richtig verärgern, die sich vorbereitet haben).

Lernmedien erlauben mir, in meiner eigenen Geschwindigkeit zu lernen und Inhalte beliebig oft zu wiederholen.

Vor einigen Jahren besuchte ich einen Salsa-Anfängerkurs. Ich fand die Frage der Tanzlehrerin, wer schon mal einen Salsakurs gemacht hatte, für ein paar Sekunden seltsam – so lange, bis alle außer mir die Hand hoben. Das Lerntempo orientierte sich anschließend an der Mehrheit. Nach der ersten Stunde beschloss ich schweißgebadet aufzuholen. Mithilfe mehrerer YouTube-Videos und einiger Wiederholungsschleifen konnte ich meinen „Lernstand“ bis zum nächsten Mal so weit angleichen, dass ich in den weiteren Stunden gut mithalten konnte.

Lernmedien können Sachverhalte anschaulich darstellen.

Die Tanzvideos haben mir die Bewegungen genauso gut gezeigt wie es die Tanzlehrerin vermochte. Aber manchmal geht es auch noch besser als in der Realität. Zum Beispiel mit Zeitlupenaufnahmen sehr schnell ablaufender Vorgänge oder mit Ergänzungen, z.B. in den Film gezeichnete Haltungs-Achsen bei der Demonstration einer Yoga-Übung oder mit Querschnittsdarstellungen im technischen Bereich u.v.m.. Beim Thema Konfliktlösungskompetenz können verfilmte Fallbeispiele sehr hilfreich sein, vor allem wenn sie einen gewissen Grad an Interaktivität haben und die Konsequenzen bestimmter Entscheidungen aufzeigen.

Lernmedien erlauben mir, durch Fehler zu lernen, ohne dass ich Schaden anrichten kann.

Sicher lerne ich etwas, wenn ich in der Realität bei Konflikten das eine oder andere Vorgehen ausprobiere. Gut wäre allerdings, wenn ich die dümmsten Optionen durch Vorwissen ausschließen könnte. Das kann man durch mediengestütztes Lernen auf jeden Fall erreichen. Die Medien ermöglichen mir, aus Fehlentscheidungen zu lernen, ohne negative Auswirkungen befürchten zu müssen. Das ist auch der Grund, warum sich Flugsimulatoren und andere teure Simulationen für das Lernen lohnen, abgesehen vom eingesparten Kerosin. Man kann durch Fehlermachen lernen lassen.

And don´t forget: Lernmedien erlauben mir zeit- und ortsunabhängig zu lernen.

Dieser Vorteil wurde über die Jahre viel strapaziert, ist aber immer noch ein großes Plus, nicht nur wegen der Globalisierung. Ich persönlich möchte nicht am Samstag in einem VHS-Kurs lernen, wie man einen Serienbrief schreibt, weil ich das eventuell nächstes Jahr einmal anwenden muss. Ich eigne mir das an, wenn ich es brauche – just in time und an meinem Arbeitsplatz.

Was Lernmedien am besten können: Blended Learning

Es gibt nicht allzu viele Bereiche, bei denen man alleine mit einem Lernprogramm zum Ziel kommt. Bei der theoretischen Führerscheinprüfung klappt das zum Beispiel tadellos. Hm, schlechtes Beispiel. Fahren darf ich dann ja trotzdem nicht. Am besten entfalten Lernmedien ihre Wirkung im Rahmen eines Blended-Learning-Konzepts. Das gilt übrigens gleichermaßen für Präsenztrainings (Falls Du anderer Meinung bist, freue ich mich auf eine Diskussion mit Dir in den Kommentaren). Als Trainer greift man schon immer auf für die aktuelle Phase und das anstehende Lernziel passende Methoden und Medien zurück. Die Palette ist nur deutlich größer geworden.

Ein Wechsel zwischen selbstgesteuerten Lernphasen und Abschnitten mit Gruppenaktivitäten und Inhaltsvermittlung ist am vielversprechendsten. So kann ich über Eingangstests ermitteln, was zu den Voraussetzungen für den ersten gemeinsamen Abschnitt noch fehlt und ggf. auch individuelle Lernangebote machen. Die erste gemeinsame Phase muss nicht zwangsläufig in Präsenz stattfinden. Vieles lässt sich auch über Webinare vermitteln. Auf jeden Fall kann man zusammen auf einem höheren Niveau einsteigen und zwischen Wissensaneignung und Anwendung wechseln. Die Wahl der Methode und des Mediums sollte sich dabei immer nach den Voraussetzungen der Teilnehmer und nach den Lernzielen richten.

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